Über Kopfsteinpflaster lässt es sich entspannt durch das Nikolaiviertel spazieren. Hier fahren nur Anwohner und Lieferanten mit dem Auto und dementsprechend verkehrsarm ist es. Das Museum Nikolaiviertel, das Zille-Museum oder das Biedermeier-Museum sind einige der kulturellen Angebote im Viertel. Die Restaurants und Biergärten hier lassen sich gar nicht erst aufzählen. Die meisten davon sind trotz der touristischen Lage sogar ziemlich gut. Dazu kommen einige Skulpturen am Wegesrand, die es zu bewundern gilt. Aber auch der Blick nach oben lohnt sich. Denn hier gibt es viele aufwendige künstlerisch gestaltete Nasenschilder. Schon allein das Wort Nasenschild lernte ich erst durch das Nikolaiviertel. Denn das sind die Werbeschilder, die vom Geschäft abragen und mit Figuren oder Piktogrammen verdeutlichen, warum sich der Besuch lohnt.

Der Drachentöter an der Spree
Die für mich beeindruckendste Skulptur des ganzen Nikolaiviertels steht am Ufer der Spree. Der Heilige Georg von August Kiss ist einen Abstecher wert. Nicht nur weil das Reiterstandbild als Beispiel der Meister der Berliner Bildhauerschule gilt. Sondern auch weil es für eine Figur so detailliert und kunstfertig ist. Sechs Meter hoch ist die Figurengruppe aus Georg, Pferd und Drachen. Wenn ich bei der Erzählung vom Heiligen Georg vor allem Mitleid mit dem Drachen habe, habe ich es bei dem Standbild vor allem mit dem Pferd. Die Panik in den Augen des Pferdes ist so realitätsnah, während das Gesicht Georgs weit über dem Podest vom Betrachter fast nicht zu sehen ist. Ist ja schließlich auch ein Heiliger, der muss nicht nahbar sein. Entstanden ist die Plastik Mitte des 19. Jahrhundert. Sie gewann sogar einen Preis in der Pariser Weltausstellung 1855. Das Ensemble lässt sich dem Spätklassizismus und Neubarock zuordnen. Das lässt sich auch am so fein herausgearbeiteten idealisierten Georg erkennen.

Der Berlin- und Menschenkenner Zille
Wer was über das Leben in Berlin im 19. und 20. Jahrhundert wissen will, kommt um Heinrich Zille nicht herum. Eine Figur desselben steht in der Poststraße. Die helle Kalksteinfigur ist nicht ganz realistisch in der Wiedergabe der körperlichen Maße des Grafikers und Malers. Dafür hält die Figur ein Blatt in der Hand mit der Aufschrift „Milljöh“. Denn das, was Zille zum Berliner Original machte, waren seine Kunstwerke aber vor allem sein Blick auf alle Gesellschaftsschichten. Von Beruf Lithograf widmete er sich auch neben seiner Arbeit dem Zeichnen. Am bekanntesten sind seine Darstellungen des Berliner Proletariats. Der Besuch des nahe gelegenen Zille-Museums ist für alle empfehlenswert, die sich für Zeichnungen, Grafiken und Berlin interessieren.

Berliner Original: der Leierkastenmann
Leicht zu übersehen ist die Bronzefigur eines Leierkastenmanns in einem Hof in der Poststraße. Die Figur zeigt einen Mann mit einer Drehorgel, Affen und heulendem Hund. Sie geht auf den Künstler Gerhard Thieme zurück. Leierkastenmänner waren in Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts eine feste Institution und die Stadt eine Hochburg des Drehorgelbaus. Die Leierkastenmänner zogen durch die Straßen und Hinterhöfe und verdienten sich ihr Geld mit Musik. Hochdeutsch heißen sie Drehorgelspieler. Ihre typische Begleitung waren dressierte Affen, die die zugeworfenen Münzen einsammelten. Heutzutage gibt es nur noch wenige Drehorgelspieler*innen in Berlin zu sehen und der lebende Helfer wird oft durch ein Kuscheltier ersetzt. Wer also einen oder eine sieht, kann ruhig ein paar Cent locker machen. Die kommen nicht wie bei anderen Straßenmusikern in einen Hut, sondern auf einen Teller, der auf dem Leierkasten steht.
