Auf Entdeckungstour durch Berlin und die Welt
Plakat zur Grünen Woche 2019

Von Brennnesselbier und fremden Ländern. Ein Handweiser für die Grüne Woche

Acht Biersorten, drei Hochprozentige und fünf Snacks später ist die diesjährige Grüne Woche beendet. Seit Jahren ist es in meiner Familie Tradition, sich Ende Januar zu den Messehallen zu begeben und sich ins Getümmel zu stürzen. Oberstes Ziel ist jedes Jahr etwas Neues zu entdecken und auszuprobieren. Und das ist auf der Grünen Woche ziemlich einfach. Mehr als 1.000 Aussteller aus zig verschiedenen Ländern stellen ihre Produkte vor.

Das Ganze läuft offiziell unter dem Namen „Internationale Grüne Woche“ und fungiert als Ausstellung für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Für Fachbesucher gibt es alljährlich ein umfangreiches Rahmenprogramm und „normale“ Besucher lernen allerhand bei den Ständen und Vorführungen. Seit dem Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts gibt es schon die Grüne Woche. Der Andrang ist groß. Innerhalb einer Woche zählt die Messe an die halbe Million Besucher trotz des stolzen Eintrittspreises von 15 Euro. Dass nicht alles an der Grünen Woche Friede, Freude, Eierkuchen ist, zeigt die sie alljährlich begleitende Demo unter dem Motto „Wir haben es satt“. Die Demonstranten machen auf Klimagerechtigkeit und Klimaschutz aufmerksam. Tatsächlich gibt es für mich abgesehen von der altbackenen Internetseite, dem recht hohen Eintrittspreis und den frühen Schließzeiten (die Messe schließt um 18 Uhr) gerade beim Thema Nachhaltigkeit oder zumindest Ehrlichkeit in Bezug auf Herstellung und Produktion durchaus Nachholbedarf. Nichtsdestotrotz finde ich, dass sich der Besuch der Grünen Woche lohnt, und zwar aus folgendem Grund:

Neues entdecken

Wer hat schon die Zeit oder das Geld alle Länder der Welt zu bereisen? Auf der Grünen Woche gibt es zumindest einen kleinen Eindruck von fremden Ländern. Das beschränkt sich nicht immer nur auf die Küche der jeweiligen Länder. Viele Staaten und Regionen sind auch mit anderen einheimischen Produkten vertreten. Jedes Jahr gibt es ein Partnerland, das sich in einer eigenen Halle den Besucher präsentiert. Dieses Jahr war das Partnerland Finnland. Natürlich waren auch Essensstände vertreten, aber ebenso Stände mit finnischen Produkten und Informationen über das Land. Besonders bequem war, dass sich die gastfreundlichen Finnen abmühten, Deutsch zu sprechen, obwohl Englisch gegangen wäre. Die gemeinsame Suche nach einem passenden deutschen Wort für Indian Summer prägt sich viel besser ein, als ein Prospekt.

Ein Glas rotes Fruchtbier von Kriek

Neben Ländern aus aller Welt präsentieren sich die einzelnen deutschen Bundesländer und verschiedene Ministerien und Vereine auf der Grünen Woche. Da mein persönliches Interesse vor allem kulinarischen Entdeckungen gilt, kann ich wenig über die neuesten Entwicklungen beim Katastrophenschutz oder der internationalen Zusammenarbeit hinsichtlich der Wasserversorgung sagen. Wer will, kann aber zu diesen Themen einiges auf der Grünen Woche erfahren. Ebenso viele Informationen und Produkte gibt es in den Bereichen Garten, Haushalt oder Haustiere zu finden. Auch hier kann ich nicht mit persönlichen Erfahrungen aufwarten, da ich die Hallen mit Gartenmöbeln und Pflanzen, superscharfen Messern oder ausgestellten Kaninchen und Meerschweinchen vorzugsweise umgehe.

Bieruntersetzer, der erklärt, dass sich der Name "Dampfbier" vom Schaum her ableitet.

Regionale Entdeckungen gab es dieses Jahr für mich wieder reichlich: Brennnesselbier schmeckt so, wie Kuhfladen riecht. Rauchbier wird traditionell nur an Aschermittwoch getrunken. Leindotteröl ist lecker und schmeckt leicht nach Erbsen, während Mohnöl sich besonders für Nachspeisen eignet. Wer nicht nur auf der Suche nach kostenlosen Proben ist, findet auf der Grünen Woche allerhand. Allerdings hier wohl der wichtigste Rat für den Besuch der Messe: Packt Geld ein, denn

Nix gibts umsonst.

Ok, das stimmt nicht ganz. Die eine oder andere Kostprobe gibt es schon. Aber nur wenn man bereit ist, mit scheinbar ausgehungerten anderen Besuchern geradezu darum zu kämpfen, an diese zu kommen. Ich will ja keine Vorurteile schüren, aber versucht, die großen Gruppen von Menschen über 60 mit Trolleys zu umgehen. Wer sich ernsthaft für Produkte interessiert, wie etwa für Käse, scharfe Soßen oder Wurstprodukte und nachfragt, bekommt oft neben guter Beratung und Tipps, die eine oder andere Kostprobe.

Ein kleiner Kuchen in Fischform.

Die Frage, inwieweit manche Produkte dann günstiger sind als in einem Supermarkt, wage ich nicht zu stellen. Das gilt vor allem bei den einheimischen Produkten. Die Ausländischen bekommt man hierzulande eben nicht so leicht mal nebenan, da lohnt es sich dann wieder, sie dort zu kaufen. Ein Anfängerfehler ist der Stopp an den vielen Weinständen. Hier mal dran nippen, da mal dran riechen, schwups ist man angetüdelt und kaufbereit. Letztendlich liegt ein Fokus der Grünen Woche darauf, den Leuten etwas zu verkaufen …

Geschönte Realität

Zu den Lieblingsstopps in unserer Familie gehört die ukrainische Halle. Das liegt nicht nur am Wodka, sondern an dem rustikalen Charme der Stände. Es brutzelt und räuchert, die Schürzen der Köche und Köchinnen sind beschmiert und im Hintergrund schmettert ein Frauenchor Folklorelieder. Schwächen der Entwicklungspolitik, Klimapolitik oder Landwirtschaft sind bei den meisten Ständen kein Thema. Lieber nicht nachfragen, dann schmeckt der Kaffee aus Venezuela vielleicht nicht mehr ganz so gut. Die superflauschigen Babyferkel, die friedliche Kunstkuh auf dem Kunstrasen, deren Schwanz nicht nach den melkenden Kindern schlägt, sondern sanft auf und ab schwingt, sind eine Idylle, die es so doch fast nirgends mehr gibt. Ein wenig schade finde ich das schon, dass im Bereich Landwirtschaft zu großen Teilen die Authentizität fehlt. Wir meiden diese Hallen, weil es albern ist, wie vor allem Kindern etwas gezeigt wird, was höchstens noch auf vereinzelten Bauernhöfen zu finden ist. Da könnten die Aussteller doch mehr Ehrlichkeit wagen.

Ein kleines Holzschälchen mit Kartoffel und Käse.

Letztendlich lautet mein Fazit zur Grünen Woche dennoch: Hingehen lohnt sich. Für Familien gibt es umfangreiche kostenfreie Mitmachangebote und ermäßigte Eintrittspreise. Für Liebhaber von Essen und Trinken ist sie, sofern man kein Problem mit den Massen hat, eine perfekte Gelegenheit, um regionale und fremde Küchen kennenzulernen. Wer Lust auf Gespräche mit den Verkäufern hat, geht am besten zum Start der Grünen Woche. Da haben sie noch nicht alle Fragen zum zehnten Mal beantwortet und keine heiseren Stimmen. Die nächste Grüne Woche ist übrigens vom 17. bis 26. Januar.

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